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Das Kaspar-Hauser-Syndrom

Am 26. Mai 1828 kam ein ungefähr 16-jähriger, völlig verwahrloster Junge, der scheinbar geistig zurückgeblieben war und kaum sprechen konnte, nach Nürnberg. Seinen Namen konnte er nicht aussprechen und schrieb ihn für die Polizei auf: Kaspar Hauser.

Wer war Kaspar Hauser?

Angeblich wurde Kaspar Hauser sein Leben lang in einem dunklen Keller gehalten und bekam nur Wasser und Brot. Ob der Junge tatsächlich die Wahrheit gesagt hat, weiß man bis heute nicht genau. Es gibt hierzu zwei Theorien. Die erste Theorie besagt, dass Kaspar-Hauser ein Betrüger und Hochstapler war, der sich die ganze Geschichte nur ausgedacht hat. Die zweite Theorie ist, dass es sich bei dem Jungen um den erstgeborenen Sohn des badischen Großherzogs Karl Beauharnais gehandelt hat, der nach der Geburt entführt, eingesperrt und so um den Thron gebracht wurde. Nach seinem Auftauchen lebte Kaspar Hauser einige Zeit bei dem Gymnasialprofessor Georg Friedrich Daumer, der ihn erzog und ausbildete. Er lernte Lesen und Schreiben und entwickelte sich zu einem musisch sehr begabten Jungen. Seine Vorlieben waren das Malen, Zeichnen und das Klavier spielen. Er lernte schnell, entwickelte sich gut und war gesund. Daher gab es immer wieder Zweifel an der Geschichte vom Keller und der Isolation, denn nach heutigen medizinischen Erkenntnissen würde ein Säugling ohne Körperkontakt und Ansprache nicht überleben.

Kaspar-Hauser-Syndrom heute

Kinder, die an dem Kasper-Hauser-Syndrom leiden, neigen eher dazu, sich selbst zu verletzen.

Kinder, die an dem Kasper-Hauser-Syndrom leiden, neigen eher dazu, sich selbst zu verletzen.

Aus dieser Begebenheit abgeleitet sprechen Ärzte und Psychologen heute vom Kaspar-Hauser-Syndrom, wenn Kinder aufgrund von Vernachlässigung seelische und körperliche Verhaltensauffälligkeiten aufweisen. Wachsen Babys und Kinder ohne emotionale Zuwendung und andere äußere Reize auf, wie es z. B. in Isolationshaft oder Heimen der Fall ist, aber auch bei gleichgültigen, überforderten oder bindungsunfähigen Eltern sein kann, bleibt dies nicht ohne physische und psychische Folgen für das Kind. Generell spricht man in diesem Fall von Hospitalismus. Dessen schwerste Form, bei der neben vollständigem Reizentzug zum Teil auch Misshandlungen eine Rolle spielen, wird als Kaspar-Hauser-Syndrom bezeichnet. Diese Deprivation, also der Zustand, der durch Mangel an Zuwendung und Emotionen entsteht, ist seelischer und körperlicher Art. Seelische Verhaltensauffälligkeiten sind z. B. extreme Ängste, Depressionen, Apathie und starke Reizbarkeit. Außerdem sind Menschen mit Kaspar-Hauser-Syndrom extrem misstrauisch, da ihnen das Urvertrauen fehlt. Körperlich auffällig ist v. a. mangelndes Konzentrationsvermögen, ständige innere Unruhe und eine hohe Infektionsanfälligkeit. Unter dem Kaspar-Hauser-Syndrom leidende Kinder zeigen auch eine Reihe an Verhaltensauffälligkeiten. Neben einem gestörten Essverhalten, einem negativen Sozialverhalten und permanentem Daumenlutschen oder monotonen, sich wiederholenden Bewegungen, neigen an Kaspar-Hauser-Syndrom Leidende auch zu selbstverletzendem Verhalten.

Kaspar-Hauser-Syndrom und Wolfskinder

Das Kaspar-Hauser-Syndrom hat Gemeinsamkeiten mit den sogenannten Wolfskindern. Wolfskinder waren deutsche Waisen, die nach dem zweiten Weltkrieg durch die Wälder irrten, ohne Schutz und Nahrung. Seelisch traumatisiert und isoliert entwickelten diese Kinder u. a. ein sozial auffälliges Verhalten und benahmen sich teilweise wie Tiere.